Boom beim Online Schach oder wie ein Amateur gegen die Nummer 1 Rumäniens gewann

In Corona-Zeiten boomt das Online-Schach immer mehr. Je länger die Pause im “Offline-Schach” dauert, desto mehr geht Schach online. Wer sich schon immer fragte, was “King-of-the-Hill” ist, und wie man damit eine Top-50-Spielerin schlägt, sollte weiterlesen, die Antwort kommt weiter unten im Text.

Inzwischen wird es immer schwieriger, den Überblick über das exponentiell wachsende Online-Angebot zu behalten, häufig tut man sich schwer, die entsprechenden Turnierräume zu finden, wenn man die Turniere live verfolgen möchte. Am einfachsten ist das bei Chess24, aber da gibt es halt nur die Topturniere.

Alle Online-Aktivitäten haben eins gemeinsam: es wird ausschließlich Schnellschach oder Blitzschach gespielt. Es gibt Topturniere, hier war das Carlsen-Invitational von Chess24 nur der Anfang. Ihm hat sich die “Magnus-Carlsen-Chess-Tour” angeschlossen, die aus 4 Turnieren und einem großen Finale besteht und bis Ende August ausgespielt wird. Tour ist natürlich irreführend, gespielt wird weltweit von daheim. Dazu gibt es Livekommentare in 8 Sprachen mit Hochkarätern wie Peter Svidler, Li Chao, Alexander Grischuk und Peter Leko, zumindest wenn man die entsprechenden Sprachen versteht.

Aktuell wird das Finale des zweiten Turniers gespielt (das erste Turnier hatte Carlsen gegen Nakamura gewonnen), hierfür haben sich Daniil Dubov und Hikaru Nakamura qualifiziert. Nakamura schaltete im Halbfinale Weltmeister Magnus Carlsen etwas glücklich in der abschließenden Armageddon-Partie aus und demonstrierte einmal mehr seine überragenden Schnellschachqualitäten. Interessant der Matchmodus in den KO-Spielen, es werden Minimatches aus 4 Partien gespielt, Sieger ist, wer zuerst 2 Matches gewonnen hat, gerade eben hat Nakamura den “ersten Satz” gegen Dubov gewonnen.

Dann fand in den letzten 3 Tagen noch eine Online-Europameisterschaft statt, hier gewann der Russe Alexej Sarana, den Frauenpreis holte sich die für Schwäbsich Hall startende Georgierin Nino Batsiashvili. 3 Deutsche hatten sich für das Finale der letzten 16 im KO-System qualifiziert. Am weitesten kamen Georg Meier und Vincent Keymer, die im Viertelfinale unglücklich in der alles entscheidenden Armageddon-Partie scheiterten. Trotzdem gerade für Vincent Keymer ein Erfolg gegen die Weltspitze, die meisten Gegner wiesen zum Großteil deutlich höhere Wertungszahlen auf.

Des Weiteren wurden die ein oder anderen Länder-Vergleichskämpfe ausgetragen, bei den Damen endete der erste Versuch eines Länderkampfs mit den Nachbarländern im Servercrash – auch das gibt es ab und zu, auch ein Spieltag der Quarantäneliga musste wegen Serverproblemen bei Lichess verschoben werden. Vom Namen her nett die Frauen-Vergleichskämpfe zwischen Deutschland und Ungarn (bei der ersten Ausgabe mit der Haller Spielerin Petra Papp), die unter dem Namen HUN-GER Games veranstaltet wurden (hier der Link zum neuen Buch der Erfolgsserie von Suzanne Collins, aktuelle Nummer 1 der Spiegel-Bestseller-Liste, ist sicher etwas martialischer als der Schachwettbewerb). Ungarn gewann zweimal klar und deutlich gegen die deutschen Damen.

Aber es gibt nicht nur Turniere. Immer mehr Spieler betätigen sich in diversen Online-Streams, und die ein oder anderen verdienen damit tatsächlich gerade über Spenden und Abonnements auch Geld. Dafür verwenden viele Spieler das Gamer-Portal Twitch, das auch in die großen Plattformen Chess.com und Lichess integriert werden kann, es ist also möglich, gleichzeitig zu spielen und zu kommentieren. Der mit Abstand erfolgreichste Streamer ist Hikari Nakamura, der inzwischen mindestens 6000 Abonnenten hat, die monatlich 5€ für seine Streams zahlen. Außerdem bescherten ihm seine Online-Aktivitäten Sponsorenverträge mit Chess.com und Red Bull. Er bedient dann auch sofort nach Partieende seiner Partien in der Magnus-Carlsen-Tour seine Abonnenten mit Analysen, wo er auch schon mit dem Weltmeister und Veranstalter in den Clinch geriet, der natürlich sein eigenes Portal promoten möchte.

Auch die ein oder anderen Spielerinnen des SK Schwäbisch Hall sind auf den Streamingportalen aktiv. Irina Bulmaga kommentiert regelmäßig ihre Partien ebenfalls auf Twitch und spielt live gegen Herausforderer, hier der Link zu ihrem Kanal. Eine Kuriosität gab es bei einem ihrer Streams letzte Woche, unten kann man sich das ansehen. Was ist hier passiert? Irina wurde von einem Gegner herausgefordert, der zunächst einmal gleich eine Figur einstellte und dann zielstrebig mit seinem König in Richtung Zentrum zog. Irinas Kommentare waren nur “Oh, du hast gerade einen Bauern eingestellt” oder “Nehmt ihn bitte nicht als Beispiel, wenn ihr euer Schach verbessern wollt”. Nach einigen Zügen tauchte der König dann auf e4 auf … und plötzlich zeigte das Programm an “Weiß hat gewonnen”. Es stellte sich heraus, dass Irinas Gegner “Perpetual Stalemate” – das heißt auf Deutsch “Dauerpatt”- ohne ihr Wissen eine Schach-Abart namens “King of the Hill” ausgewählt hatte, bei der man nicht gewinnt, wenn man den gegnerischen König matt setzt, sondern wenn man eins der 4 zentralen Felder des Bretts mit seinem König erreicht. So kann man halt auch mal gegen die Nummer 1 Rumäniens gewinnen. Auf den Online-Plattformen kann man alle möglichen Schachvarianten spielen, die harmloseste davon ist noch das inzwischen etablierte Chess960, bei dem die Position der Figuren auf der Grundreihe vor der Partie ausgelost wird.

Auch Ekaterina Atalik ist online unterwegs, allerdings in Türkisch, sie bietet diverse Trainingskurse gerade auch für Kinder und Jugendliche an. Sophie Milliet spielt Showmatches unter anderem bei Europ-Echecs, und Karina Ambartsumova (nach wie vor auf den Kanaren) ist bei Youtube unterwegs. Das sind nur ein paar Beispiele, das Online-Angebot im Schach explodiert im Moment geradezu. Im deutschsprachigen Raum zu empfehlen sind die Videos von Anna Endress (in der Frauenbundesliga für Harksheide am Start) und der Twitch-Auftritt von IM Georgios Souleidis “The Big Greek” aus Hamburg. Die Luxemburgerin Fiona Steil-Antoni streamt schon seit einigen Jahren regelmäßig (Link), und sie hat sogar zuletzt ein (kostenpflichtiges) Onlinewebinar für potenzielle Streamer angeboten (leider konnte ich bisher keinen Link zum nachträglichen Abrufen finden). Dazu kommen natürlich auch Online-Trainingsaktivitäten, die die meisten Profis aber auch vor Corona schon angeboten haben. Nicht zu vergessen natürlich Deutschlands Nummer 1 der Frauen Elisabeth Pähtz, die ebenfalls im Netz schon seit längerem sehr präsent ist (Link zum Twitchkanal).

Einen Boom erleben die Online-Portale Lichess und Chess.com. Bei Lichess boomt besonders die vom Herausgeber der Schachzeitschrift Rochade Jens Hirneise in Leben gerufene Quarantäne-Liga. Inzwischen gibt es 12 Spielklassen und es nehmen nicht nur Teams aus Deutschland teil, sondern aus der ganzen Welt von Aserbaidschan bis Südafrika. Gerade die höchsten Spielklassen sind inzwischen superstark mit einigen Top-Großmeistern. Gespielt wird sonntags und donnerstags und ausschließlich Blitzschach mit wechselnden Bedenkzeiten. Gespielt wird im Lichess-Arena-Mode, bei dem Siegesserien punktemäßig besonders belohnt werden und man nach Ende der Partie sofort wieder einen neuen Gegner bekommt. Jede Spielklasse besteht aus 10 Mannschaften, 3 Mannschaften steigen jeweils auf und 3 Mannschaften steigen ab.

Im Bezirk Unterland gibt es inzwischen auch ein wöchentliches Teamblitz, bei dem der SK Schwäbisch Hall an den Start geht, am Mittwoch sprang immerhin ein dritter Platz hinter Biberach und Kornwestheim heraus (Link), überragend mal wieder der Mouthpocketdevourer (“Maultaschenverehrer”) Steffen Mages. Außerdem bin ich für Eppstein am Start, im Main-Taunus-Kreis gibt es seit Beginn der Corona-Krise jeden Sonntagnachmittag ein Turnier. Mit Eppstein haben wir inzwischen zweimal gewonnen und waren immer unter den besten Drei, größte Konkurrenten sind immer wieder Nied und Hofheim mit den ein oder anderen Titelträgern am Start.

Ein immer wieder problematisches Thema beim Online-Schach ist das “Cheating”. Daher ist gerade die Haller Spitzenspielerin Lela Javakhishvili sehr skeptisch beim Online-Schach, gerade auch wenn es um Geld geht. Man versucht zwar, die Betrugsversuche mit speziellen Softwaretools einzudämmen, die von den Plattformen eingesetzt werden. Aber es ist fraglich, ob das immer gelingt. Bei der absoluten Spitze ist die Gefahr gering, bei der Magnus-Carlsen-Tour werden die Spieler während der Partie gefilmt, und außerdem haben die dort teilnehmenden Spieler durch Betrugsversuche viel mehr zu verlieren als zu gewinnen. Aber im Amateursektor ist das durchaus ein Problem. Bei der deutschen Amateurmeisterschaft wurden zum Beispiel einige Betrüger nachträglich nach dem Durchsehen ihrer Partien identifiziert. Einen Artikel zu dem Thema gibt es hier bei den Perlen vom Bodensee. Es ist klar, dass das Betrügen mit Verkürzung der Bedenkzeit schwieriger wird, aber nicht unmöglich, gerade mit entsprechenden Programmierkenntnissen. Eine relativ simple Art des Betrügens bei Amateurturnieren mit Spielstärke-Beschränkung nach oben ist natürlich, einfach jemand anders spielen zu lassen. Mannschaftskämpfe oder andere Turniere mit langer Bedenkzeit von 90 Minuten und mehr pro Spieler und Partie erscheinen online kaum sinnvoll durchführbar, das würde nur mit einer ständigen Überwachung der Spieler funktionieren.

Aber für das Schach bewerte ich die aktuelle Entwicklung insgesamt als äußerst positiv, ich glaube, aktuell spielen und verfolgen mehr Personen Schach als vor der Corona-Krise. Trotzdem freut sich aber jeder darauf, irgendwann wieder seinem Gegner Auge-in-Auge ohne Einschränkungen gegenüber sitzen zu dürfen.

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