Eindrücke vom Grenke-Open in Karlsruhe

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Ein Blick in den beeindruckenden Turniersaal – das Material kam zum Großteil von Hans-Walter Schmitts Chesstigern aus Bad Soden

Über Ostern nahm ich am größten Open Deutschlands, dem Grenke-Open in Karlsruhe teil. Das Turnier ist Nachfolger des Deizisauer Neckar-Opens und zog dieses Jahr nach Karlsruhe um, außerdem wurde der schon üppige Preisfond nochmal deutlich aufgestockt. Die Teilnehmerliste schlug alle Rekorde, fast 1000 Spieler kämpften in A, B und C-Open um Preisgelder, Punkte und Wertungszahlen. Auf der Turnierseite gibt es ausführliche Berichte von Georgios Souleidis, hier ein paar persönliche Eindrücke. Auch Melanie Lubbe berichtet auf ihrer Webseite. Am A-Open nahmen um die 200 Titelträger teil, darunter so bekannte Namen wie Alexej Shirov, Gata Kamsky, Richard Rapport, Li Chao, dazu die komplette deutsche Spitze. Bei den Frauen war ebenfalls fast die komplette deutsche Nationalmannschaft am Start. Aus der Schwäbisch Haller Damenmannschaft spielten Ekaterina Atalik, Deimante Daulyte und Jovana Vojinovic.

Donnerstag / Freitag

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Nach der Anreise fand ich noch etwas Zeit für einen kurzen Spaziergang zum Karlsruher Schloss

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Der Austragungsort, die Karlsruher Schwarzwaldhalle

Bei mir begann das Turnier zäh, die ersten beiden Runden verlor ich, in der ersten Runde wurde ich gegen einen FM Opfer der neusten Idee im angenommenen Wolgagambit mit einem frühen a4 nebst Platzierung eines Springers auf b5. In der zweiten Runde verlor ich etwas unnötig.

Vor der dritten Runde redete ich kurz mit Matthieu Cornette und Freundin Deimante Daulyte und machte den Scherz, ob sie nicht bei 2 Siegen aufeinandertreffen könnten. Keine 10 Minuten wurde aus Spaß Ernst: die beiden waren wirklich gegeneinander gelost worden. Sie entschieden sich für den häuslichen Frieden und einigten sich schnell auf remis und konnten einen freien Nachmittag in Karlsruhe verbringen. Matthieu hatte 2 Runden später nochmal Lospech: er traf auf seinen besten Freund Etienne Bacrot, auch diese Partie endete remis, aber nach hartem Kampf.

In der dritten Runde schaffte ich den ersten Sieg gegen den ersten nominell schlechteren Gegner, allerdings mit der schlechtesten Turnierleistung. Mit Schwarz gegen einen c3-Sizilianer verhunzte ich die Eröffnung und stand leicht schlechter. Dann stellte ich auch noch einen Bauern ein, schon direkt nach Ausführung des Zuges bemerkte ich das Malheur. Zum Glück sah mein Gegner den Zug nicht und stellte seinerseits 2 Züge später eine Figur ein. Damit war die Partie gelaufen.

Samstag

In Runde 4 am Ostersamstag kam ich wieder gut aus der Eröffnung, konnte aber aus dem Vorteil nichts machen und verlor am Ende aufgrund zu vieler Bauernschwächen.

Danach in Runde 5 der zweite Sieg gegen den zweiten nominell schwächeren Gegner. Dieser war allerdings ein erst 13-jähriger Jugendspieler, daher war Auf-der-Hut-Sein angesagt. Hier gab es eine Rehabilitation des Wolga-Gambits für dieses Turnier. Mein Gegner spielte ein Gegengambit, auf das ich einen Zug auspackte, den er noch nie gesehen hatte, eine Empfehlung aus Alejandro Ramirez‘ für Wolga-Gambit-Spieler sehr empfehlenswerten Chessbase-DVD. Warum der Zug nicht öfter gespielt wird, weiß ich auch nicht. Jedenfalls hatte ich nach 10 Zügen einen gesunden Mehrbauern und konnte die Partie relativ sicher nach Hause schieben. In der gemeinsamen Analyse diskutierten wir noch länger die Variante, in der Schwarz in jedem Fall bequemes Spiel hat.

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Diskussion um die Bronstein-Regel: links Arkadij Naiditsch, im Anzug Hauptschiedsrichter Jens Wolter

Ein Diskussionspunkt im Turnier war immer wieder die sogenannte Bronstein-Regel. Da ohne das inzwischen bei den meisten Turnieren übliche Inkrement, bei dem man für jeden ausgeführten Zug 30s auf der Uhr bekommt, gespielt wurde, kam diese Regel zum Einsatz. Ich hoffe, ich gebe das jetzt als Nicht-Schiedsrichter korrekt wieder: dabei kann ein Spieler, wenn er weniger als 2min Zeit auf der Uhr hat, beantragen, in den sogenannten Bronstein-Modus überzugehen, bei dem er für jeden Zug 5s zu seiner Zeit dazu bekommt. Ein Ansparen von Zeit durch schnelles Ausführen der Züge ist dabei nicht möglich. Dieser Antrag enthält gleichzeitig ein Remisangebot. Lehnt der Gegner das ab, geht die Partie im Bronstein-Modus normal weiter. Der spektakulärste Fall im Turnier war die Viertrundenpartie von Arkadij Naiditsch, in der Lev Yankelevitsch verlangte, in den Bronstein-Modus überzugehen. Naiditsch kannte die Regel offenbar überhaupt nicht und versuchte, Sinn und Zweck der Regel länger mit dem Schiedsrichter auszudiskutieren. Das Ende vom Lied: natürlich musste er sich dem korrekten Verdikt des Schiedsrichters fügen, und sein Gegner konnte die Partie dann auch noch remis halten.

Über das Für und Wider des Spielens mit oder ohne Inkrement kann man natürlich lange diskutieren, ich persönlich finde das Spielen mit Inkrement fairer den Spielern gegenüber, da man am Ende nicht über die Zeit geschoben werden kann. Dies geschah doch in einigen Partien, insbesondere aufgrund von Unkenntnis der Spieler. In den meisten Fällen konnte man aber den äußerst fairen Umgang der Spieler miteinander erleben. Andererseits gehört eine vernünftige Einteilung der Bedenkzeit mit zu einer Turnierpartie, und daher sollten Spieler auch dafür bestraft werden können, wenn sie sich ihre Zeit eben nicht einteilen können.

Sonntag

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Der Autor am Brett (Bildnachweis: Turnierseite, Georgios Souleidis)

Runde 6 gab bei mir wieder eine „Eröffnungsneuerung“. Gegen den starken Niederbrechener David Henrich (im Gegensatz zu meinem Heimatverein Eppstein kämpft Niederbrechen in der Verbandsliga noch um den Aufstieg in die Hessenliga) spielte ich gegen die Philidorverteidigung den seltenen Zug Tg1 mit der Idee g4, den ich das erste Mal im Vorjahr bei Irina Bulmaga gegen Eva Moser in der Frauenbundesliga gesehen hatte. Irina hatte damals eine Gewinnstellung erreicht, diese aber am Ende noch verloren. Auch Richard Rapport hat den Zug schon gespielt. Er ist ja ein Spezialist für frühes g4. Ich kam hervorragend aus der Eröffnung, wiederholte aber nach den schlechten Weißerfahrungen der ersten Runden und der hohen Wertungszahl meines Gegners früh die Züge. Mein Gegner meinte in der nachträglichen Analyse nur, er hätte sich in der Eröffnung ziemlich überfahren gefühlt.

Runde 7 gab eine völlig unnötige Niederlage. Die Stellung war völlig ausgeglichen, und anstatt einer ziemlich einfachen Remisabwicklung rechnete ich komplizierte Varianten aus und vergaß völlig, dass zwischendurch noch ein Bauer hing. Der reichte dann auch zum gegnerischen Sieg.

Montag

Der letzte Tag war dann aber nochmal sehr positiv. Am Morgen gab es ein Weißremis gegen einen guten Gegner, obwohl ich in der Eröffnung (der dritte Sizilianer in vier Weißpartien) zwei Züge verwechselte. Zum Glück konnte mein Gegner daraus kein Kapital schlagen. Danach stand ich erstmal optisch besser, nach Damentausch er. In Zeitnot wiederholte mein Gegner dann die Züge, beide schätzten wir die Stellung hinterher so ein, dass der, der zu gewinnen versucht, am Ende wahrscheinlich verliert.

In der letzten Runde wurde mir dann die Schweizer Nationalspielerin Camille de Seroux zugelost, als Betreuer des Schwäbisch Haller Frauenteams natürlich ein besonderes Highlight. Vor 2 Wochen erst hatte sie beim Damenturnier in Rijeka remis gegen Karina Ambartsumova gespielt, und dort 50% erreicht, Karina wurde hinter Adriana Nikolova Zweite. Aufs Brett kam die gleiche Eröffnungsvariante wie bei meinem letzten Einsatz in Uhersky Brod vor einigen Wochen: Ein Maroczy-Aufbau gegen den beschleunigten Drachen. Wieder stand ich einen Großteil der Partie in der Defensive, konnte aber zum richtigen Zeitpunkt die Stellung öffnen. Dabei griff meine Gegnerin in Zeitnot fehl und die komplette Stellung flog auseinander. Hier kann man die Partie nachspielen:

Damit schaffte ich am Ende doch noch 4 Punkte aus 9 Partien und ein Elo bzw. DWZ-Plus von ca. 15 Punkten. Wenn man sieht, wer noch in diesem Bereich oder sogar dahinter landete, ein  gutes Ergebnis, mit dem ich trotz der ein oder anderen vergebenen Chance zufrieden sein kann. Über den Sommer nehme ich mir jetzt wie bisher fast jedes Jahr vor, trainingsmäßig einiges für Schach zu tun, um besser vorbereitet in die neue Saison zu gehen, mal sehen, was davon diesmal klappt. Punktgleich übrigens mit Erich Zweschper noch ein weiterer Eppsteiner im Feld – leider verlor er die letzte Runde noch, aber auch für ihn ein ordentliches Resultat.

Das Turnier endete mit einer faustdicken Überraschung. Keiner aus der Armada von Weltklassespielern gewann das Turnier, sondern mit 7,5 Punkten der für Werder Bremen startende Deutsche Matthias Blübaum, der zur ehemaligen DSB Prinzengarde gehört. Er ließ 5 punktgleiche Spieler hinter sich, einen halben Punkt dahinter folgten 7 weitere Spieler, darunter so illustre Namen wie Cappelle-Sieger Gata Kamsky und Richard Rapport. Für die Schwäbisch Haller Spieler lief es nicht so gut, Li Chao landete als bester mit 6,5 Punkten im geschlagenen Feld, seine Niederlage in der letzten Runde gegen Vladimir Fedoseev warf in weit zurück.

Die Damenwertung war fest in deutscher Hand. Elisabeth Pähtz blieb mit 6,5 Punkten ungeschlagen und lag am Ende vor der Überraschungszweiten Sarah Hoolt und vor Elena Levushkina, die eine IM-Norm erfüllte und das ganze Turnier über vorne mitspielte. Damit ist der Kampf um die Tickets für die Schacholympiade im September in Baku voll entbrannt, außer Elisabeth Pähtz hat noch keine Spielerin ihren Platz in der deutschen Frauennationalmannschaft sicher.

Glücklicherweise hatte Hamburg am vorigen Wochenende im Spiel der Frauenbundesliga gegen Schwäbisch Hall auf Sarah Hoolt verzichtet, in der letzten Runde überfuhr sie Ekaterina Atalik schon aus der Eröffnung heraus, als ich das erste Mal auf die Partie schaute, hatte sie schon einen Bauer mehr bei gleichzeitigem Angriff. Die anderen beiden für Schwäbisch Hall startenden Damen Deimante Daulyte und Jovana Vojinovic verloren ebenfalls in der letzten Runde und büßten damit ihre Chancen auf ein Preisgeld ein. Übrigens traten in der letzten Runde ausgerechnet die Freunde der beiden aufeinander: Matthieu Cornette hatte das Nachsehen gegen Richard Rapport. Eine weitere hochinteressante Partie der letzten Runde aus Haller Sicht war die von Erfahrung gegen Jugend: Frank Zeller traf auf die aufstrebende junge deutsche Nationalspielerin Josefine Heinemann (vor einigen Wochen hatte sie beim Kampf Schwäbisch Hall-Bad Königshofen gegen Alina Kashlinskaya verloren), nach hartem Kampf endete eine hochinteressante und, wie bei Frank üblich, scharf angelegte Partie mit einem leistungsgerechten Remis.

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