Über den Dächern von Erfurt

Zwischen Weihnachten und Neujahr spielte ich zum wiederholten Mal beim Erfurter Schachfestival im Meisterturnier mit. Mit fast 400 Teilnehmern ist es Deutschlands größtes Schachturnier in der Weihnachtszeit, neben dem Meisterturnier gab es ein Hauptturnier, ein Amateurturnier und ein Seniorenturnier mit weniger Runden. Der Spielsaal ist spektakulär: das Meisterturnier wird in der 17. Etage des Radisson Blu Hotels direkt neben der Erfurter Fußgängerzone mit herrlichem Blick über die Stadt bis hin zum Dom gespielt.

Blick aus dem Turniersaal über die Stadt

Das erste Mal spielte ich in Erfurt schon Anfang der 90er Jahre mit einigen Eppsteiner Kollegen noch im Nachbarhotel. Von damals unter anderem noch in Erinnerung ein Blitzschachabend mit der damals 18-jährigen Marta Zielinska (nach ihrer Heirat heißt sie jetzt Michna) aus Polen, die uns keine Chance gab. Heute ist sie deutsche Nationalspielerin und lebt in Hamburg.

Nach längerer Zeit gelang mir dieses Jahr mal wieder ein vernünftiges Turnier. Der Start mit 2x Remis gegen jeweils Spieler mit knapp 2200 Elo war gut, danach folgte eine vermeidbare Niederlage gegen einen erst 13-jährigen FM aus Dänemark. Hätte ich in der Eröffnung einen zweiten Bauern eingesteckt, wäre es schwierig für ihn geworden, so gewann er am Ende nach einer spannenden Partie und schlug in der folgende Runde fast noch die ehemalige U18-Vizeweltmeisterin Filiz Osmanodja, die gerade so ins Remis entkam.

Foto: Klaus Steffan

Danach folgten weitere Remisen gegen gute Gegner, bevor mir in der vorletzten Runde ein Sieg gegen die in der Frauenbundesliga für Hamburg spielende WFM Alina Zahn aus Erfurt gelang. Sie rechnete sicher mit meinem üblichen geschlossenen Italiener, da ich wusste, dass sie da sicher von ihrem Freund, dem 1-Gesetzten des Turniers Jonas Lampert, präpariert wurde und die Varianten sowieso gut kannte, da sie das System mit Weiß und mit Schwarz spielt, entschloss ich mich kurzfristig, Schottisch zu spielen. Obwohl ich nicht die Theoriezüge fand, kam ich vorteilhaft aus der Eröffnung, konnte einen Bauern gewinnen und die Partie am Ende relativ sicher nach Hause fahren. Mit der gleichen Eröffnung hatte Alina immerhin in der Vorsaison der Frauenbundesliga gegen die für Schwäbisch Hall spielende WGM Karina Ambartsumova gewonnen.

Vorletzte Runde gegen Alina Zahn (Foto: Klaus Steffan)

Die letzte Runde ging dann leider noch verloren, da ich ein leicht schlechter stehendes Doppelläuferendspiel zu ungenau spielte. Aber 3,5 Punkte und ein DWZ/Elo-Plus von ca. 30 Punkten sind ein gutes Ergebnis. Damit habe ich mir die Punkte, die ich beim Wiesbadener Open verloren habe, ungefähr wieder zurückgeholt.

Das Turnier gewann etwas überraschend der dänische Altmeister Jens Ove Fries-Nielsen vor den punktgleichen Jonathan Carlstedt und Lokalmatador Peter Enders. Den Frauenpreis sicherte sich Filiz Osmanodja, die durch einen Sieg in der Schlussrunde noch auf Platz 5 kam und die furios mit 4,5 aus 5 gestartete Melanie Lubbe, die dann zur Belohnung gleich gegen 2 Großmeister hintereinander ran musste und die auch hervorragend spielende Maria Schöne hinter sich ließ.

Schön an dem Turnier außer dem Spiellokal: die angenehme Atmosphäre in der Hotelbar und die Zusatz-Events wie ein Skat- und Doppelkopfturnier (vielleicht nächstes Jahr – ich müßte mal wieder spielen, deutsches Blatt verschärft das ganze natürlich) und das Würfelblitzturnier nach Lukas Podolski („Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“), bei dem die Bedenkzeit ausgewürfelt wird. Vielleicht werde ich nächstes Jahr mal mitspielen. Außerdem gab es immer wieder Verlosungen von Zusatzpreisen, diesmal hatte ich Glück und gewann einen Schachkalender für 2017.

Des weiteren wurden auch sogenannte Pechvögel vergeben – wer meinte, in einer Partie besonders Pech gehabt zu haben, konnte sich selber nominieren. Beispiele dafür: in Gewinnstellung die Zeit überschritten, den Gegner patt gesetzt oder Ähnliches. Dieses Jahr konnten aber nicht viele Pechvögel an den Mann gebracht werden, ob sich nur wenig Spieler nominierten oder es kaum geeignete Fälle gab, kann ich nicht beurteilen. Am Brett neben mir wurde in einer Partie einzügig ein Springer eingestellt und das auch noch in ein Familienschach, eigentlich unglaublich bei zwei Spielern mit einer Elo oberhalb von 2000. Allerdings war die Stellung schon so schlecht, dass das Ende der Partie nur beschleunigt wurde.

Alle Ergebnisse und weitere Berichte gibt es auf der Turnierseite: http://www.erfurter-schachfestival.de/ . Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich auch kommendes Jahr wieder in Erfurt spielen werde, mal sehen, ob ich noch die ein oder anderen Eppsteiner oder Schwäbisch Haller dafür begeistern kann.

 

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