Tagebuch aus Cappelle-La-Grande

CappelleBlick in den Turniersaal
Nachdem ich lange kein Open mehr gespielt hatte, wollte ich es jetzt doch mal wieder wissen und meldete mich bei Frankreichs größtem Schachturnier, dem Open von Cappelle-La-Grande in der Nähe von Dünkirchen unweit von der belgischen Grenze an. Dieses Turnier zieht schon seit Jahren mehr als 600 Schachspieler aus aller Herren Länder an, darunter eine 3-stellige Anzahl von Titelträgern. Die Spielbedingungen sind exzellent: Digitaluhren und Holzbretter für alle Teilnehmer und genügend Platz, dazu wird zu sehr zivilen Preisen ein Mittag-und Abendessen für alle Teilnehmer angeboten. Das ganze bietet natürlich auch die Gelegenheit, mein Französisch etwas zu üben und zu verbessern.

 28.02.2015

Ich reiste mit dem Auto aus Schwäbisch Hall an und nahm noch unseren Spitzenspieler Li Chao, den topgesetzten und einzigen Teilnehmer mit einer Elo über 2700, mit, der momentan Schwäbisch Hall als Basis für seine Turnierreisen nutzt. An 2 gesetzt im Turnier ist übrigens ausgerechnet der Ukrainer Alexander Areshchenko, gegen den Li Chao am vergangenen Wochenende im Bundesligakampf gegen Werder Bremen verloren hatte. Mal sehen, vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit zur Revanche.
Überraschend staufrei kamen wir gegen 19:00 in Capelle an und konnten noch die Turnieranmeldung vornehmen. Li Chao organisierte noch die Unterkunft seiner Schachschüler, die später am Abend mit dem Zug von einem anderen Turnier eintreffen sollten, der Begriff „Schüler“ ist allerdings relativ missverständlich: die Schüler haben alle schon Elozahlen oberhalb 2300 bis 2400, und von ihnen sind im Laufe des Turniers sicher einige Überraschungen zu erwarten. Nachdem ich Li Chao in seinem Hotel in Dünkirchen abgeliefert hatte, fuhr ich zu meinem Hotel, das sich in Bergues befindet.
Die wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt Bergues, die zum Weltkulturerbe gehört, wurde vor einigen Jahren als Schauplatz und Drehort des erfolgreichen Films „Willkommen bei den Schtis“ weltbekannt. Die Stadt ist vollständig von einer Stadtmauer umschlossen, die Zufahrt geschieht durch mehrere einspurige Stadttore.
Der Glockenturm, das Wahrzeichen von Bergues
Bergues
Am Samstag wurde es dann nach einem Rundgang durch Bergues nachmittags Ernst. Das Los bescherte mir einen undankbaren Gegner: einen 12 jährigen Franzosen mit einer Elo von 1849. Die erste Überraschung war, dass das Turnier auf die Minute pünktlich begann, das erlebt man sicher nicht bei jedem Open in der ersten Runde.
Nachdem ich in meiner Partie vorteilhaft aus der Eröffnung herausgekommen war, gelang es mir nicht, den Vorteil umzusetzen, und die Partie mündete in einem völlig ausgeglichenen Endspiel mit folgerichtigem Remisschluss. Insgesamt war für mich sicher in der Partie mehr drin, doch Hochachtung vor meinem jungen Gegner, der sich in der Eröffnung theoretisch gut auskannte und die Stellung gut verteidigte und auch in der anschliessenden Analyse auf der Höhe war.
Die Haller Spitzenspieler taten sich ebenfalls schwer: Irina Bulmaga erhielt zu ihrer Überraschung anstatt einen schwächeren Gegner gleich einen argentinischen GM mit 2600 Elo und verlor in „offener Feldschlacht“ mit beiderseitigen Angriffen auf den König. Anthony Wirig gewann seine Partie, aber klar war das ganze auch nicht. Ekaterina Atalik kam als Favoritin gegen ihre Gegnerin in einem weiblichen Duell nicht über ein Remis heraus. Der Frauenanteil im Turnier beträgt übrigens 12%, wie in der Eröffnungsansprache mitgeteilt wurde, für ein Schachturnier ein bemerkenswert hoher Wert.
Blick auf die Bühne: nur noch Li Chao und Tigran Gharamian und ihre jeweiligen Gegner sind im Einsatz
Ganz zum Schluss waren Li Chao und Tigran Gharamian die letzten Spieler auf der Bühne und versuchten ihre Partie zu gewinnen. Tigran Gharamian gelang dies tatsächlich noch im Turmendspiel, während sich Li Chao mit einem Remis zufriedengeben musste.

01.03.2015

Heute nur ein kurzes Update, da am morgigen Montag eine Doppelrunde wartet mit Beginn schon um 9:00. Das Los bescherte mir einen französischen Gegner mit Elo 1869. Vorbereitung war mangels aussagekräftiger Partien nicht möglich, daher ging es ohne ans Brett. Nachdem ich mit 1.e4 gerechnet hatte, was er in den zwei vorliegenden Partien gezogen hatte, überraschte er mich mit einem Aufbau mit Sf3 und b3. In einem solchen Aufbau sollte man aber immer auf Läuferschachs auf b4 mit anschliessender Fesselung des dazwischenziehenden Springers mit Se4 achten. Dies tat mein Gegner nur unzureichend, so dass ich schon nach 9(!) Zügen praktisch auf Gewinn stand. Mein Gegner wehrte sich dann noch 10 weitere Züge, bevor er die Waffen streckte. Also ein positiver Auftakt, morgen wartet dann wohl ein deutlich stärkerer Gegner wenn nicht Titelträger. Mein junger Gegner von gestern hat heute übrigens heute nochmal gezeigt, was er kann: souverän schlug er einen Gegner mit Elo 2150.

Bei den Haller Topspielern gab es Licht und Schatten, was schon zeigt, wie stark das Turnier besetzt ist. Tigran Gharamian und Ekaterina Atalik verloren ihre Partien, bei Ekaterina kam es schon zum zweiten Mal zu einem rein weiblichen Aufeinandertreffen, sie unterlag der ukrainischen WGM Myroslava Hrabinska. Irina Bulmaga gewann, ebenso wie Li Chao, der allerdings für seinen Sieg hart arbeiten musste. Anthony Wirig spielte gegen den Brasilianer Alexandr Fier mit 2600 Elo Remis. Aufgrund des Losverfahrens in Gruppen, das in den ersten Runden angewandt wird, haben jetzt Anthony, Li Chao und ich alle 1.5 Punkte und damit die meisten der Haller Spieler.

02.03.2015

Heute stand eine Doppelrunde auf dem Programm, damit schon Beginn um 9:00. Ich erhielt in beiden Runden einen IM – morgens Benjamin Bujisho aus Frankreich, nachmittags Masha Klinova aus Israel. Besonders die zweite Partie war bitter: ich erreichte eine Gewinnstellung, nachdem meine Gegnerin im Mittelspiel völlig den Faden verloren hatte, danach geschah mir dasselbe und ich verlor die Partie noch. In der ersten Partie stand ich nach der Eröffnung besser, übersah eine Kleinigkeit, und das reicht gegen so einen Gegner halt.
Die anderen Haller Spieler stabilisierten sich, Li Chao avanciert langsam zum Marathonmann: alle seine Partien bisher gingen über die volle Distanz. Morgens gewann er noch ein völlig remises Turmendspiel, nachmittags spielte er remis in einer relativ undurchschaubaren Partie mit 2 Türmen gegen Dame und Freibauern auf beiden Seiten. Was gab es sonst noch? In der Vormittagsrunde ging eine Partie an den hinteren Brettern durch laut vernehmliches Handyklingeln zu Ende, und am Nachmittag kam es zum Aufeinandertreffen der deutschen Youngsters Dennis Wagner und Matthias Blübaum, das nach der vorgeschriebenen Mindestzahl von 20 Zügen remis endete. Ab morgen gibt es jetzt jeweils eine Runde pro Tag.

03.03.2015

Heute bescherte mir das Los wieder einen leichteren Gegner mit 1769 Elo aus Belgien. Er lief mir dann auch voll in eine Eröffnungsspezialvariante, die er noch nie gesehen hatte. Dadurch endete die Partie auch schon nach 19 Zügen mit einem Sieg für mich, sodass ich genügend Zeit hatte, mir die anderen Partien anzusehen.
Li Chao konnte seine Partie gewinnen und ist damit mit 4 Punkten ganz vorne dabei, die Partie gegen Artur Gabrielian war äußerst komplex, Gabrelian opferte einen Turm, bekam dafür einen Springer zurück, und es entstand ein hochkompliziertes Endspiel, das Li Chao dann gewann. Tigran Gharamian spielte remis und kommt auf 3,5 Punkte. Anthony Wirig wird langsam zum Remiskönig: nach seinem Auftaktsieg endeten alle seine Partien remis, auch wenn sie allesamt voll ausgekämpft wurden. Irina Bulmaga verlor gegen eine GM ein etwas undurchsichtiges Leichtfigurenendspiel, am Ende hatte ihre Stellung einfach zu viele Schwächen, und da halfen die ungleichfarbigen Läufer auch nicht mehr.

04.03.2015

Heute gab es zunächst mal wieder etwas Kultur. Da das Wetter schön war und es kaum Vorbereitungsmaterial zu meinem Gegner gab, fuhr ich zum Cap Blanc-Nez in der Nähe von Calais. Dort hatte man einen herrlichen Blick bis hinüber nach England. Die vielen Bunker zeigen die Wichtigkeit des Caps sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg.
Blick nach England auf eine Fähre Dover – Calais
 
Das Cap Blanc-Nez
Ab 14:00 wurde dann Schach gespielt. Mein Gegner kam aus England und hatte eine deutlich schwächere Elozahl. Aus der Eröffnung heraus kam ich mit Schwarz zu bequemen Spiel, obwohl mein Gegner die ersten Züge eröffnungstheoretisch auf der Höhe war. Dann konnte ich aber im Mittelspiel den Vorteil nicht umsetzen, auch in der nachträglichen Analyse fanden wir nichts zwingendes, wenn Weiss einfach gar nichts macht. Die Partie mündete schließlich in ein Läuferendspiel, in dem ich Remis ablehnte und in ein Bauernendspiel abwickelte. Durch genaue Züge konnte mein Gegner dieses aber remis halten.
Zu den weiteren Partien: Anthony Wirig spielte in der 6. Partie zum 5. Mal remis, auch Tigran Gharamian spielte remis. Li Chao spielte gegen den verlustpunktfreien Spitzenreiter Vladimir Onychuk und konnte diesen in einem Doppelturmendspiel schlagen. Damit führen jetzt 7 Spieler mit 5 Punkten gemeinsam, darunter Li Chao.
Irina Bulmaga hatte beim Lesen der Paarungen der 6. Runde schonmal gleich einen Schreck bekommen, als sie den Namen Areshchenko als Gegner las, es kann doch nicht sein, dass man mit gerademal 50% gegen einen Supergroßmeister spielt, der vor einer Woche in der Bundesliga keinen geringeren als Li Chao geschlagen hatte. Beim Weiterlesen klärte es sich dann auf: sie spielte gegen seine Frau, auch wenn Alexander Areshchenko auch mit 3,5 Punkten bisher weit unter seinen Möglichkeiten spielt. Irina konnte die Partie dann auch für sich entscheiden.

05.03.2015

Heute bescherte mir das Los den nächsten IM – Nicolas Gifford aus Frankreich. Leider ging auch diese Partie verloren, aber erst nach hartem Kampf im Endspiel – es war sicher meine beste Leistung in diesem Turnier bisher. Vor der Zeitkontrolle erreichte ich Vorteil in einer hochkomplizierten Stellung, wickelte dann aber in Zeitnot in ein leicht schlechteres Endspiel ab, das der IM dann für sich entschied. n der Analyse hinterher fanden wir jede Menge interessante Varianten für beide Seiten, aber keine wirklich zwingenden Verbesserungen in der kritischen Stellung vor der Zeitkontrolle. Da ich sehr lange spielte, gibt es diesmal auch keine Informationen zu den anderen Partien. Li Chao spielte an Tisch 1 remis durch Zugwiederholung und bleibt vorne dabei, für den Turniersieg sind aber jetzt wohl in jedem Fall 2 Siege notwendig. Es führt jetzt der Grieche Vasilios Kotronias allein mit 6 Punkten vor 7 Spielern mit 5,5 Punkten, darunter Li Chao. Der Rest der Haller Spieler hat einträchtig 4,5 Punkte (ich selber liege bei 3 Punkten). Anthony Wirig durchbrach seine Remisserie heute mit seinem 2. Sieg.
Hier noch etwas Statistik vom Veranstalter:
Das Turnier hat 276 französische und 279 ausländische Teilnehmer, darunter 83 GMs und 54 IMs. Die meisten ausländischen Teilnehmer kommen aus Belgien gefolgt von Deutschland und etwas überraschend der Ukraine, gefolgt von Russland, Polen und Rumänien. 52 Frauen nehmen am Turnier teil.
Morgen gibt es ein Blitzturnier am Vormittag, zu dem ich mich angemeldet habe, danach dann die 8. Runde. Ich habe wieder einen „leichteren“ Gegner, aber das habe ich ja schon in Runde 6 gesehen, dass das alles nicht so einfach ist, wie es aussieht. Aus Haller Sicht die interessanteste Partie der 8. Runde ist die Begegnung von Irina Bulmaga mit dem deutschen Jung-GM Dennis Wagner.

06.03.2015

Morgens fand heute zunächst ein Blitzturnier statt, zu dem sich ca. 30 Teilnehmer eingefunden hatten. Ich spielte mit und belegte ungefähr den 6-8. Platz mit 4,5/7 Punkten. Es gewann ein junger FM aus den Niederlanden. Die großen Namen fehlten, jedoch waren schon etliche Spieler mit einer Elo jenseits der 2000 am Start.
Nachmittags war mir das Glück dann hold. Aus der Eröffnung heraus erreichte ich zunächst mal wieder eine vorteilhafte Stellung, fand aber in Zeitnot nicht die richtige Fortsetzung und landete in einem eigentlich verlorenen Endspiel. Mein Gegner ließ dann aber zu viel Aktivität meiner Figuren zu, sodass die Stellung dann plötzlich trotz Minusbauern ausgeglichen war. Nachdem er ein Remisangebot abgelehnt hatte, verlor er vollends den Faden, sodass ich am Ende in einem für mich gewonnenen Turmendspiel landete. Damit komme ich jetzt auf 4 Punkte, mal schauen, was morgen die letzte Runde bringt. Li Chao gewann mit Schwarz eine völlig undurchsichtige Partie gegen Krikor Mekhitarian aus Brasilien, in der er zwischenzeitlich 3 Bauern weniger auf dem Brett hatte und auch den deutlich höheren Zeitverbrauch hatte. Irgendwie war das aber am Ende doch für ihn gewonnen. Irina Bulmaga erreichte mit Schwarz ein sehr beachtliches Remis gegen den deutschen Jung-GM Dennis Wagner. Die anschliessende Analyse mit GM Beteiligung zeigte, dass das Endspiel wirklich nicht einfach zu halten gewesen war. Vor der letzten Runde liegt jetzt Li Chao zusammen mit zwei weiteren Spielern mit 6,5 Punkten an der Spitze des Feldes. Anthony Wirig und Tigran Gharamian haben beide 5,5 Punkte, Ekaterina Atalik und Irina Bulmaga haben 5 Punkte, Irina hat aber in der letzten Runde mit Mykhaylo Oleksiyenko mit Elo 2643 einen fast übermächtigen Gegner.

07.03.2015

Die letzte Runde bescherte mir nochmal einen „leichten“ Gegner, aber die vorigen Runden haben gezeigt, wie schwierig solche Aufgaben werden können. Diesmal lief es aber gut: die vorbereitete Eröffnung kam aufs Brett, und mein Gegner musste früh einen Bauern geben, zu dem sich bald ein weiterer Bauer gesellte. Als ich dachte, noch ein längliches Turmendspiel mit zwei Mehrbauern spielen zu müssen, ließ er sich netterweise einfach mattsetzen. Damit erreichte ich immerhin 5 Punkte und damit mehr als 50%.
Li Chao konnte die letzte Runde gewinnen und wurde damit geteilter Turniersieger, da Vladimir Onischuk auch seine Partie gewinnen konnte, nach Wertung war Li Chao aber vorne. Als ich das erste Mal auf seine Stellung sah, hatte er schon einen gesunden Mehrbauern, und den Vorteil ließ er sich nicht mehr nehmen. Ekaterina Atalik erreichte hervorragende 6 Punkte und damit den ersten Damenpreis. Tigran Gharamian holte ebenfalls 6 Punkte und landete noch im Preisgeld. Anthony Wirig spielte die letzte Runde (wiedermal) remis (nachdem er zwischendurch ziemlich gedrückt stand) und kam ungeschlagen auf 5,5 Punkte. Irina Bulmaga verlor ihre letzte Runde gegen ihren übermächtigen Gegner mit 2643 Elo und holte damit 5 Punkte, hatte aber gerade in den letzten 2 Runde extrem starke Gegner.
Die Siegerehrung wartete ich aufgrund der langen Rückfahrt nicht mehr ab, da am morgigen Sonntag noch ein Mannschaftskampf wartet, und ich wider Erwarten jetzt doch spielen muss. Alles in allem hat sich die Teilnahme gelohnt – ein tolles Turnier, mal sehen, vielleicht findet sich ja nächstes Jahr eine größere Delegation Haller Amateurspieler, die zusätzlich zu den Profis die Reise nach Frankreich auf sich nimmt.
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