Drama in Deizisau

Die letzte Partie bringt die Entscheidung

Schwäbisch Hall hat nach dem Unentschieden gegen Friedberg am Sonntag Bad Königshofen 3,5-2,5 geschlagen. Damit herrscht vor der letzten Doppelrunde in der Frauenbundesliga weiter Hochspannung: Baden Baden, Hamburg und Schwäbisch Hall stehen punktgleich an der Tabellenspitze, einen Punkt dahinter Bad Königshofen, und in der letzten Runde trifft Baden Baden auf Bad Königshofen und Hamburg auf Schwäbisch Hall.

Das nackte Ergebnis spiegelt nur unzureichend das Drama wieder, das sich in Deizisau abspielte. Nach 4 Stunden liefen noch 2 Partien, und die Anhänger und Spielerinnen aus Schwäbisch Hall hofften trotz einer 2,5-1,5 Führung allerhöchstens noch auf ein Unentschieden. Zu schlecht waren die Stellungen von Sophie Milliet gegen Maria Schöne und von Irina Bulmaga gegen Anastasia Savina. Bei Sophie gab es noch ein wenig Hoffnung, da es trotz Qualität weniger noch einige taktische Möglichkeiten gab, aber diese verflüchtigten sich schnell: Maria spielte die Partie sehr souverän nach Hause, nach Generalabtausch machte ihr Freibauer das Rennen. Damit stand es 2-2, und wie eine Duplizität der Ereignisse war es wieder Irina Bulmaga, deren Partie die Entscheidung bringen musste, schon gegen Baden Baden sorgte sie in einer dramatischen Partie gegen Ketino Kachiani-Gersinska für den Schwäbisch Haller Sieg. Doch hier sah es viel schlechter aus: nach einer missglückten Abwicklung im Mittelspiel hatte sie in einem Läufer-Springer-Endspiel 2 Bauern weniger, und trotz nicht vorhandener Computerunterstützung war allen Zuschauern klar, dass nur Savina als Siegerin vom Brett gehen könnte.

Beide Spielerinnen hatten ihre Bedenkzeit völlig aufgebraucht und zehrten nur noch von den 30 Sekunden Inkrement pro Zug. Auf beiden Seiten wurden immer wieder Züge innerhalb der letzten 3 Sekunden auf der Uhr ausgeführt, was auch nicht zur Nervenberuhigung der Zuschauer beitrug. Und die Stellung wurde komplizierter, der Läufer zeigte sich dem Springer überlegen, aber da waren ja noch die 2 Bauern. Plötzlich begann man in Schwäbisch Hall an die Möglichkeit eines Remis zu glauben, das wenigstens ein 3-3 Unentschieden bedeutet hätte (die später zu Rate gezogenen unparteiischen Computerengines gaben auch da immer noch klaren Vorteil für Savina). Dann wurde die Stellung dramatisch: Savina bot ein Springeropfer an, das Bulmaga zunächst nicht annehmen konnte, die gegnerischen Freibauern hätten das Rennen gemacht. Dann das Unfassbare: Savina bot noch einmal ein Springeropfer an, anstatt ihren Mehrbauern einfach zu decken, und diesmal hatte sie sich in der Kürze der Zeit verrechnet. Jeder Zuschauer berechnete fieberhaft die Stellung für sich: „das ist doch jetzt gewonnen, der Läufer kann beide Freibauern aufhalten, und am Ende macht der letzte verbleibende Freibauer für Bulmaga das Rennen“. Und so kam es tatsächlich – wenige Züge später reichte Savina Bulmaga die Hand zur Aufgabe, Schwäbisch Hall hatte 3,5-2,5 gewonnen, und das Meisterrennen in der Frauenbundesliga ist spannender denn je. Viel glücklicher kann man kaum gewinnen oder viel unglücklicher kaum verlieren, aber eine Werbung für das Frauenschach war das Match allemal. Hier ist die Partie zum Nachspielen zu finden.

Josefine Heinemann-Alina Kashlinskaya

Was war vorher passiert? Schwäbisch Hall ersetzte am Sonntag Jana Zpevakova durch Alina Kashlinskaya, die aus persönlichen Gründen erst am Samstagabend anreisen konnte, damit rutschten die Spielerinnen von Position 2-5 alle ein Brett nach hinten. Alina brannte gegen Josefine Heinemann ein taktisches Feuerwerk ab, das zur ungewöhnlichen Figurenkonstellation Dame und 2 Läufer gegen 2 Türme, Springer und 3 Bauern führte. Am Ende entschieden die Dame und die Läufer die Partie, 1-0 für Schwäbisch Hall. Den Ausgleich besorgte Irina Zakurdjaeva mit einem schönen Turmopfer ausgerechnet gegen Chess24-Miss-Tactics Sopiko Guramishvili. Die erneute Führung für Schwäbisch Hall besorgte Nino Batsiashvili, die gegen ihre gute Freundin Olga Girya – beide hatten zusammen mit Karina Ambartsumova vor einem Jahr Sylvester in Paris gemeinsam verbracht – ihre überragenden Endspielfähigkeiten unter Beweis stellte. Im Mittelspiel hatte sie 2 Bauern gewonnen, musste aber im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern noch einige Klippen umschiffen. Und dann gab es noch ein relativ ereignisarmes Remis zwischen Ekaterina Atalik und Tatiana Melamed.

Deizisau drehte gegen Friedberg ebenso eine schon verlorengeglaubte Begegnung noch zu einem 3,5-2,5 Sieg. In den letzten beiden Partien setzte sich Erfahrung gegen Jugend durch, wenn man von so etwas sprechen kann: Cristina-Adela Foisor gewann ein kompliziertes Turmendspiel gegen Melanie Lubbe, Zoya Schleining gewann gegen Dina Belenkaya trotz einer Qualität weniger, als ihre Bauern einfach zu stark wurden.

Sopiko Guramishvili hatte schachlich kein so gutes Wochenende

Jetzt zu den Geschehnissen am Samstag: Friedberg überraschte Schwäbisch Hall gehörig damit, dass Elena Levushkina fehlte, die eigentlich immer spielt. Die Erklärung war einfach: sie hatte Geburtstag und wollte diesen gerne feiern, nachdem sie schon am Geburtstag ihres Freundes Schach gespielt hatte. Damit traf Irina Bulmaga wie schon vor 2 Wochen, aber diesmal mit vertauschten Farben, auf Filiz Osmanodja, gegen die sie in Cappelle verloren hatte. An den hinteren Brettern spielte unter anderem Anna Kantane (Ivanow) – auch dies etwas überraschend, hat sie doch erst vor 3 Monaten ihr erstes Kind zur Welt gebracht.

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Jana Zpevakova-Alisa Frey

Der Mannschaftskampf begann gut für Schwäbisch Hall: Jana Zpevakova gewann eine blitzsaubere Partie gegen Alisa Frey. Die Zuschauer hatten ihre Zweifel, als der weiße König völlig offen auf b3 auftauchte, aber hinterher offenbarte Jana, dass das alles vorbereitet war, sie hatte sich direkt vor der Abfahrt die Variante noch angesehen. Auch Alisa glaubte, besser zu stehen, und war überrascht, dass später der Computer schon zu diesem Zeitpunkt Vorteil für Weiß ausspuckte.

Nino fast noch im Teheran-Stil

Die anderen Partien gaben aber Grund zur Sorge: Vorteil war nirgends zu erkennen, und Sophie Milliet und Sopiko Guramishvili standen in ihren Schwarzpartien mächtig unter Druck. Dann verlor auch noch Irina Bulmaga erneut gegen Filiz Osmanodja – sie lehnte Remis ab und stellte kurz darauf einzügig die Partie ein. Ekaterina Atalik sorgte gegen Anna Kantane für die Führung, aber die Partien von Sophie und Sopiko gingen verloren. Den Ausgleich zum 3-3 Endstand, der die Haller Meisterschaftschancen intakt ließ, schaffte Nino Batsiashvili, die ein kompliziertes Endspiel gegen Melanie Lubbe gewann. Nino spielte dieses Wochenende befreit auf, nachdem sie das Kopftuch, das sie beim World-Cup Turnier in Teheran tragen musste, wieder ablegen konnte. Ein 3-3 mit 6 entschiedenen Partien sieht man nicht allzu oft.

AbendessenAbendessen in Plochingen (Foto: Mario Meinel)

Bad Königshofen gewann knapp gegen Deizisau 3,5-2,5, aber der Sieg war am Ende doch relativ sicher, Julia Naiditsch konnte am Ende gegen Josefine Heinemann nur noch verkürzen.

Weitere Informationen im Liveblog von Samstag und Sonntag, und hier gibt es die Partien mit Haller Beteiligung.

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